Friends jumping

Hyperaktivität und Zucker in der Ernährung

Dieser Beitrag wurde von der staatlich geprüften Ernährungsberaterin Juliette Kellow verfasst. 

Hyperaktivität

Hyperaktivität ist durch übermäßige motorische Aktivität gekennzeichnet (1), die sich typischerweise in Verhaltensweisen wie gesteigertem Bewegungsdrang, Redseligkeit, Zappeln oder Schwierigkeiten, still zu sitzen und sich auf Aufgaben zu konzentrieren, äußert (2). Obwohl Hyperaktivität häufig bei Kindern auftritt, können auch Erwachsene hyperaktives Verhalten zeigen.

Ursachen für Hyperaktivität

Hyperaktivität kann mit bestimmten körperlichen oder psychischen Erkrankungen zusammenhängen. Beispielsweise kann Hyperaktivität ein Symptom einer Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) sein (3) und ist häufig ein Teil der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) (4). Oftmals lässt sich jedoch keine direkte medizinische Ursache feststellen. Stattdessen kann hyperaktives Verhalten dadurch entstehen, dass man aufgeregt oder überreizt ist oder sich in einer lebhaften oder ausgelassenen Umgebung befindet, wie beispielsweise auf einer Kinderparty oder wenn Kinder sich zum Spielen treffen. 

Cakes and sweets

Wird hyperaktives Verhalten durch Zucker verursacht?

Die kurze Antwort lautet: Nein. Wissenschaftliche Untersuchungen haben diesen Mythos, dass Zucker Verhaltensänderungen wie Hyperaktivität verursacht, eindeutig widerlegt (5, 6, 7, 8). Dennoch ist diese Vorstellung in der Populärkultur nach wie vor tief verwurzelt, und viele Menschen, darunter Eltern und Lehrkräfte, glauben immer noch, dass der Verzehr von zuckerreichen Lebensmitteln oder Getränken das Verhalten beeinflusst und dazu führt, dass Kinder hyperaktiv werden (9).

Dieser Mythos scheint auf einige wenige, schlecht konzipierte Studien zurückzugehen, die vor über 45 Jahren durchgeführt wurden und darauf hindeuteten, dass Zucker möglicherweise mit Hyperaktivität in Verbindung steht, obwohl nicht nachgewiesen werden konnte, dass Zucker ursächlich war (10, 11). Diese frühen Studien gaben den Anstoß für fundiertere und umfangreichere Untersuchungen, die schließlich belegten, dass Zucker keine negativen Auswirkungen auf das Verhalten hat und nicht zu Hyperaktivität führt. Zu diesen Forschungsarbeiten gehört eine Metaanalyse, in der die Ergebnisse von 16 gut konzipierten Studien zusammengefasst wurden (5). Diese kam zu dem Schluss, dass Zucker weder das Verhalten noch die kognitiven Leistungen von Kindern beeinflusst, und legte nahe, dass die feste Überzeugung der Eltern, dass ein Zusammenhang bestehe, möglicherweise auf Erwartungshaltungen und gängige Assoziationen zurückzuführen sei. 

Forschungsergebnisse bestätigen, dass Erwachsene oft „erwarten“, dass Kinder nach dem Verzehr von Süßigkeiten oder anderen zuckerreichen Lebensmitteln und Getränken „hyperaktiv“ werden. In einer kleinen Studie wurde Müttern, die ihre Kinder als „zuckerempfindlich“ beschrieben, mitgeteilt, ihre Kinder hätten Zucker zu sich genommen, obwohl dies nicht der Fall war. Diese Mütter berichteten anschließend im Vergleich zu einer ähnlichen Kontrollgruppe von einem stärkeren hyperaktiven Verhalten bei ihren Kindern, obwohl diese tatsächlich keinen Zucker zu sich genommen hatten (12).

Die Erwartung und die Überzeugung, dass Zucker Hyperaktivität verursacht, tragen dazu bei, diesen Mythos zu verfestigen. Wenn Eltern oder Lehrkräfte nach dem Verzehr zuckerreicher Speisen oder Getränke eine Verhaltensänderung erwarten, neigen sie möglicherweise eher dazu, aufgeregtes, lebhaftes oder energiegeladenes Verhalten als Hyperaktivität zu interpretieren. Wenn Erwachsene zudem glauben, dass zwei Dinge miteinander zusammenhängen – wie beispielsweise eine hohe Zuckeraufnahme und negatives Verhalten –bemerken und erinnern sie sich möglicherweise eher an Situationen, in denen beides gleichzeitig auftritt, und vergessen jene Momente, in denen dies nicht der Fall war (13).

Das bedeutet auch, dass andere Umwelteinflüsse oder anregende Situationen, die das Verhalten und das Aktivitätsniveau beeinflussen – wie Partys, Ferien, Verabredungen zum Spielen und Mediennutzung – möglicherweise übersehen werden, zumal sie oft mit einem höheren Konsum zuckerhaltiger Lebensmittel und Getränke zusammenfallen. Dies zementiert den Mythos dass Zucker für hyperaktives Verhalten verantwortlich ist weiter, obwohl in Wirklichkeit andere Faktoren wahrscheinlich dafür verantwortlich sind (13).

Spielt Zucker eine Rolle bei ADHS?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Sie beeinträchtigt die Fähigkeit einer Person, sich zu konzentrieren, ihre Impulse zu kontrollieren und ihr Aktivitätsniveau zu regulieren, was den Alltag oft erschwert. Obwohl die genauen Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind, zeigen Forschungsergebnisse zunehmend, dass sowohl genetische als auch umweltbedingte Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen (14). Weltweit sind schätzungsweise bis zu 3 % an Kindern im Vorschulalter, bis zu 8 % an Kindern und Jugendlichen, sowie bis zu 7 % an Erwachsenen davon betroffen (15). Medikamente, Therapie und Aufklärung können helfen, die Symptome zu bewältigen (16).

Manche Menschen haben vermutet, dass die Ernährung, einschließlich einer hohen Zuckeraufnahme, die Entwicklung von ADHS oder dessen Symptome beeinflussen könnte, doch die Forschung unterstützt diese Annahme nicht. 

Zwar deuten einige Beobachtungsstudien auf einen Zusammenhang hin (17), doch gibt es keine fundierten Belege dafür, dass Zucker eine ursächliche Rolle bei ADHS spielt oder ADHS-Symptome und -Verhaltensweisen verstärkt (18, 19). Kurz gesagt: Studien, die einen Zusammenhang aufzeigen, können nicht feststellen, ob eine höhere Zuckeraufnahme zu ADHS-Symptomen beiträgt oder eine Reaktion darauf ist, oder ob es sich um einen damit zusammenhängenden Aspekt der Ernährung oder des Lebensstils handelt, der die Symptome beeinflusst. Eine Auswertung randomisierter kontrollierter Studien, die Ernährungsinterventionen zur Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen untersuchten, ergab zudem keine Belege dafür, dass der Verzicht auf Zucker vorteilhaft ist (20). Weitere Informationen finden Sie im Artikel über Neurodiversität.

Party with doughnuts and drinks

Zusammenfassung

Trotz der weit verbreiteten Annahme, dass Zucker Hyperaktivität oder Verhaltensänderungen verursacht, insbesondere bei Kindern, gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür – weder bei Menschen mit oder ohne ADHS.

Zuletzt überprüft im Juni 2026. Nächste Überprüfung fällig im Juni 2029.

Referenzen

1. NICE. Attention Deficit Hyperactivity Disorder: What is it? Available at: https://cks.nice.org.uk/topics/attention-deficit-hyperactivity-disorder/background-information/definition/

2. NHS Nottinghamshire Healthcare. Hyperactivity and Impulsivity. Available at: https://www.nottinghamshirehealthcare.nhs.uk/ness-hyperactivity-and-impulsivity/

3. NHS. Symptoms – Overactive Thyroid (Hyperthyroidism). Available at: https://www.nhs.uk/conditions/overactive-thyroid-hyperthyroidism/symptoms/

4. NHS. ADHD in children and young people. Available at: https://www.nhs.uk/conditions/adhd-children-teenagers/

5. Wolraich ML, et al. The effect of sugar on behavior or cognition in children. A meta-analysis. JAMA. 1995;274(20):1617-21. 

6. Wiles NJ, et al. 'Junk food' diet and childhood behavioural problems: results from the ALSPAC cohort. Eur J Clin Nutr. 2009;63(4):491-8. 

7. Benton D. Sucrose and behavioral problems. Crit Rev Food Sci Nutr. 2008;48(5):385-401. 

8. Wolraich ML, et al. Effects of diets high in sucrose or aspartame on the behavior and cognitive performance of children. N Engl J Med. 1994;330(5):301-7.

9. DiBattista D, Shepherd ML. Primary school teachers' beliefs and advice to parents concerning sugar consumption and activity in children. Psychol Rep. 1993;72(1):47-55. 

10. Bellisle F. Effects of diet on behaviour and cognition in children. Br J Nutr. 2004;92 Suppl 2:S227-32. 

11. Prinz RJ, et al. Dietary correlates of hyperactive behavior in children. J Consult Clin Psychol. 1980;48(6):760-9. 

12. Hoover DW, Milich R. Effects of sugar ingestion expectancies on mother-child interactions. J Abnorm Child Psychol. 1994;22(4):501-15.

13. Flora SR, Polenick CA. Effects of sugar consumption on human behavior and performance. Psychol Rec. 2013;63(3):513–24. 

14. Rhode LA, et al (Editors). The World Federation of ADHD Guide. 2019. Available at: https://www.adhd-federation.org/_Resources/Persistent/6d9ca34c09972aea00d0ea6d02be6f6d6bd5bb4c/The%20WF%20ADHD%20Guide_072019.pdf

15. ADHD Institute. Burden of ADHD. Date of preparation: July 2025. Available at: https://adhd-institute.com/burden-of-adhd

16. ADHD Institute. Disease Management. Date of preparation: July 2025. Available at: https://adhd-institute.com/disease-management

17. Farsad-Naeimi A, et al. Sugar consumption, sugar sweetened beverages and Attention Deficit Hyperactivity Disorder: A systematic review and meta-analysis. Complement Ther Med. 2020;53:102512. 

18. Del-Ponte B, et al. Dietary patterns and attention deficit/hyperactivity disorder (ADHD): A systematic review and meta-analysis. J Affect Disord. 2019;252:160-173. 

19. Del-Ponte B, et al. Sugar consumption and attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD): A birth cohort study. J Affect Disord. 2019;243:290-296. 

20. Uldall Torp NM, Thomsen PH. The use of diet interventions to treat symptoms of ADHD in children and adolescents - a systematic review of randomized controlled trials. Nord J Psychiatry. 2020;74(8):558-568.