Dieser Mythos scheint auf einige wenige, schlecht konzipierte Studien zurückzugehen, die vor über 45 Jahren durchgeführt wurden und darauf hindeuteten, dass Zucker möglicherweise mit Hyperaktivität in Verbindung steht, obwohl nicht nachgewiesen werden konnte, dass Zucker ursächlich war (10, 11). Diese frühen Studien gaben den Anstoß für fundiertere und umfangreichere Untersuchungen, die schließlich belegten, dass Zucker keine negativen Auswirkungen auf das Verhalten hat und nicht zu Hyperaktivität führt. Zu diesen Forschungsarbeiten gehört eine Metaanalyse, in der die Ergebnisse von 16 gut konzipierten Studien zusammengefasst wurden (5). Diese kam zu dem Schluss, dass Zucker weder das Verhalten noch die kognitiven Leistungen von Kindern beeinflusst, und legte nahe, dass die feste Überzeugung der Eltern, dass ein Zusammenhang bestehe, möglicherweise auf Erwartungshaltungen und gängige Assoziationen zurückzuführen sei.
Forschungsergebnisse bestätigen, dass Erwachsene oft „erwarten“, dass Kinder nach dem Verzehr von Süßigkeiten oder anderen zuckerreichen Lebensmitteln und Getränken „hyperaktiv“ werden. In einer kleinen Studie wurde Müttern, die ihre Kinder als „zuckerempfindlich“ beschrieben, mitgeteilt, ihre Kinder hätten Zucker zu sich genommen, obwohl dies nicht der Fall war. Diese Mütter berichteten anschließend im Vergleich zu einer ähnlichen Kontrollgruppe von einem stärkeren hyperaktiven Verhalten bei ihren Kindern, obwohl diese tatsächlich keinen Zucker zu sich genommen hatten (12).
Die Erwartung und die Überzeugung, dass Zucker Hyperaktivität verursacht, tragen dazu bei, diesen Mythos zu verfestigen. Wenn Eltern oder Lehrkräfte nach dem Verzehr zuckerreicher Speisen oder Getränke eine Verhaltensänderung erwarten, neigen sie möglicherweise eher dazu, aufgeregtes, lebhaftes oder energiegeladenes Verhalten als Hyperaktivität zu interpretieren. Wenn Erwachsene zudem glauben, dass zwei Dinge miteinander zusammenhängen – wie beispielsweise eine hohe Zuckeraufnahme und negatives Verhalten –bemerken und erinnern sie sich möglicherweise eher an Situationen, in denen beides gleichzeitig auftritt, und vergessen jene Momente, in denen dies nicht der Fall war (13).
Das bedeutet auch, dass andere Umwelteinflüsse oder anregende Situationen, die das Verhalten und das Aktivitätsniveau beeinflussen – wie Partys, Ferien, Verabredungen zum Spielen und Mediennutzung – möglicherweise übersehen werden, zumal sie oft mit einem höheren Konsum zuckerhaltiger Lebensmittel und Getränke zusammenfallen. Dies zementiert den Mythos dass Zucker für hyperaktives Verhalten verantwortlich ist weiter, obwohl in Wirklichkeit andere Faktoren wahrscheinlich dafür verantwortlich sind (13).