Lady licking from spoon

Vorliebe für süßen Geschmack

Dieser Inhalt wurde von Dr. Rhiannon Mae Armitage und Prof. Martin Yeomans von der School of Psychology der University of Sussex, Großbritannien, verfasst.

Warum mögen Menschen Süße?

Aus evolutionärer Sicht ist es wahrscheinlich, dass sich unser Geschmackssinn entwickelt hat, um den Nährwert oder die potenzielle Giftigkeit von Lebensmitteln zu beurteilen und so das Überleben zu sichern (1). Daher neigen wir dazu, bittere Geschmacksrichtungen eher abzulehnen und so den Verzehr potenziell schädlicher Substanzen zu vermeiden. Gefährliche Giftstoffe in Pflanzen schmecken oft bitter. Im Gegensatz dazu fühlen sich Menschen von Natur aus zu süßem Geschmack hingezogen, da Süße in der Regel auf „sichere” Kohlenhydrate hinweist. Diese angeborene Vorliebe für süßen Geschmack lässt sich sogar im Mutterleib und bei Neugeborenen beobachten (2,3).

Sugars reduced cereal biscuits stacked on top of one another

Bevorzugen alle Menschen den gleichen Grad an Süße?

Obwohl Menschen von Natur aus Süße mögen, variieren die individuellen Vorlieben stark. Dies ist auf eine Kombination aus genetischen, biologischen, psychologischen und umweltbedingten Faktoren zurückzuführen (1). Manche Menschen lieben intensiv süßen Geschmack, während andere nur milde Süße mögen und wieder andere überhaupt nichts Süßes mögen (4). Wichtig ist, dass diese unterschiedlichen Vorlieben offenbar nicht auf die individuelle Wahrnehmung von Süße zurückzuführen sind (5). Komplizierter wird es, wenn die Wechselwirkung von Aromen in Lebensmitteln dazukommen (d. h. Süße in Kombination mit Fett, Salz oder fruchtigen Noten usw.). Insgesamt ist Essen aber multifaktoriell und komplex! Was wir essen, hängt also nicht nur vom Geschmack ab, sondern beispielsweise auch davon, mit wem wir zusammen sind, was verfügbar ist, wie hungrig wir sind, welche Gesundheitsziele wir verfolgen oder in welcher Stimmung wir sind (6).

Mögen Kinder süßen Geschmack mehr als Erwachsene und wenn ja, warum?

Ja, Kinder bevorzugen im Allgemeinen süßen Geschmack eher als Erwachsene (7–9). Es wird angenommen, dass diese erhöhte Vorliebe für Süßes ihren erhöhten Energie- und Nährstoffbedarf in kritischen Entwicklungs- und Wachstumsphasen unterstützt (7,10). Dies veranlasst Säuglinge, energiereiche süße Lebensmittel wie Muttermilch und später Obst zu bevorzugen (9,10). Mit zunehmendem Alter nimmt die Vorliebe für Süßes tendenziell ab. Insbesondere nach der Pubertät, wenn Umwelt- und Lebensstilfaktoren einen größeren Einfluss haben.

Verändert der Konsum süßer Lebensmittel unsere Vorliebe für Süßes?

In der modernen Ernährungsumgebung sind süße, fett- und energiereichen Lebensmitteln und Getränken leicht zugänglich. Dies hat zu Bedenken geführt, dass der häufige Konsum dieser Lebensmittel, insbesondere von Süßem, die Vorliebe für süßen Geschmack erhöhen und zu übermäßigem Konsum und Gewichtszunahme führen könnte. Die Gesundheitspolitik in Bezug auf Süßes basiert oft auf der impliziten Annahme, dass eine Reduzierung des Konsums von Süßem in der Ernährung die Vorliebe für süß schmeckende Produkte und damit auch die Aufnahme und das Körpergewicht verringert. Es gibt jedoch nur wenige wissenschaftliche Belege für diese Behauptung (11), denn die überwiegende Mehrheit der Studien hat keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum süßer Lebensmittel, einer gesteigerten Vorliebe und Energieaufnahme bei Kindern oder Erwachsenen festgestellt (11–14).

Holding can on beach

Vorliebe für Zucker gegenüber Süßstoffen: Gibt es einen Unterschied?

Süßstoffe wie Aspartam, Saccharin und Sucralose werden immer häufiger verwendet, da viele Menschen versuchen, ihren Zuckerkonsum zu reduzieren und gleichzeitig die Süße in ihrer Ernährung beizubehalten (15). Süßstoffe sind viel süßer als Zucker und liefern wenig bis gar keine Kalorien, was sie in „Diät”- oder „kalorienarmen” Produkten beliebt macht. Allerdings haben sie oft einen bitteren oder metallischen Nachgeschmack, was ihre allgemeine Schmackhaftigkeit beeinträchtigt. In der Rezeptur von Lebensmitteln verhalten sich Süßstoffe anders als natürlicher Zucker, was eine direkte Substitution erschwert (16,17). Vor allem feste Lebensmittel, die mit Süßstoffen gesüßt wurden, sind nicht unbedingt kalorienärmer, wenn Zucker durch Fette und Stärke ersetzt wurde. Es kann also schwierig sein, wenn man eine Vorliebe für kalorienarme/kalorienfreie Süßstoffe mit einer Vorliebe für Zucker vergleichen möchte. Es scheint jedoch so zu sein, dass Menschen, die den süßen Geschmack von Zucker mögen, auch Süßstoffe genießen können.

Bedeutet die Vorliebe für Süßes, dass man eher übergewichtig ist?

In Medien wird oft suggeriert, dass eine starke Vorliebe für süßen Geschmack zu einem übermäßigen Konsum süßer Produkte führt und damit zu Fettleibigkeit beiträgt (5). Dies könnte sowohl für mit Zucker gesüßte Produkte als auch für Produkte mit Süßstoffen gelten. Wenn diese Theorie der Fall wäre, würden diejenigen, die eine erhöhte Vorliebe für süßen Geschmack zeigen, mehr stark gesüßte Lebensmittel zu sich nehmen und wären möglicherweise eher übergewichtig oder fettleibig (wenn süße Lebensmittel über den Kalorienbedarf hinaus konsumiert werden). Die bisherigen Erkenntnisse stellen jedoch die Rolle der Vorliebe für Süßes als Ursache für übermäßigen Konsum und Gewichtszunahme in Frage (5).

Insgesamt scheinen Menschen, die einen intensiven süßen Geschmack mögen, nicht signifikant mehr Zucker oder süße Produkte zu konsumieren als Menschen, die keinen süßen Geschmack mögen. Möglicherweise konsumieren sie etwas mehr zuckerhaltige Getränke (18). Darüber hinaus ist eine hohe Vorliebe für Süßes nicht mit einem erhöhten Körperfettanteil oder einem größeren Gesamtkörpergewichtverbunden (5,19). Denn Übergewicht entsteht durch eine anhaltende positive Energiebilanz (Energieverbrauch über dem Bedarf). Daher kann ein hoher Konsum von energiereichen Lebensmitteln und Getränken, der über die in den Ernährungsrichtlinien empfohlenen Mengen hinausgeht, gesundheitsschädlich sein.

Referenzen

  1. Drewnowski A, Mennella JA, Johnson SL, Bellisle F. Sweetness and Food Preference. The Journal of Nutrition. 2012 Jun 1;142(6):1142S-1148S. 
  2. Ventura AK, Worobey J. Early Influences on the Development of Food Preferences. Current Biology. 2013 May 6;23(9):R401–8. 
  3. Liley AW. The Foetus as a Personality. Aust N Z J Psychiatry. 1972 Jun 1;6(2):99–105.
  4. Iatridi V, Hayes JE, Yeomans MR. Quantifying Sweet Taste Liker Phenotypes: Time for Some Consistency in the Classification Criteria. Nutrients. 2019 Jan;11(1):129.
  5. Armitage RM, Iatridi V, Yeomans MR. Understanding sweet-liking phenotypes and their implications for obesity: Narrative review and future directions. Physiology & Behavior. 2021 Jun 1;235:113398. 
  6. Fernqvist F, Spendrup S, Tellström R. Understanding food choice: A systematic review of reviews. Heliyon. 2024 Jun 30;10(12):e32492. 
  7. Mennella JA, Finkbeiner S, Lipchock SV, Hwang LD, Reed DR. Preferences for Salty and Sweet Tastes Are Elevated and Related to Each Other during Childhood. PLOS ONE. 2014 Mar 17;9(3):e92201. 
  8. Mennella JA, Finkbeiner S, Reed DR. The proof is in the pudding: children prefer lower fat but higher sugar than do mothers. Int J Obes. 2012 Oct;36(10):1285–91. 
  9. Desor JA, Greene LS, Maller O. Preferences for Sweet and Salty in 9- to 15-Year-Old and Adult Humans. Science. 1975 Nov 14;190(4215):686–7. 
  10. Coldwell SE, Oswald TK, Reed DR. A marker of growth differs between adolescents with high vs. low sugar preference. Physiology & Behavior. 2009 Mar 23;96(4):574–80. 
  11. Mela DJ, Risso D. Does sweetness exposure drive ‘sweet tooth’? British Journal of Nutrition. 2024 Jun;131(11):1934–44. 
  12. Nehring I, Kostka T, von Kries R, Rehfuess EA. Impacts of In Utero and Early Infant Taste Experiences on Later Taste Acceptance: A Systematic Review. The Journal of Nutrition. 2015 Jun 1;145(6):1271–9. 
  13. Appleton KM, Tuorila H, Bertenshaw EJ, de Graaf C, Mela DJ. Sweet taste exposure and the subsequent acceptance and preference for sweet taste in the diet: systematic review of the published literature. The American Journal of Clinical Nutrition. 2018 Mar 1;107(3):405–19. 
  14. Venditti C, Musa-Veloso K, Lee HY, Poon T, Mak A, Darch M, et al. Determinants of Sweetness Preference: A Scoping Review of Human Studies. Nutrients. 2020 Mar;12(3):718. 
  15. Carocho M, Morales P, Ferreira ICFR. Sweeteners as food additives in the XXI century: A review of what is known, and what is to come. Food and Chemical Toxicology. 2017 Sep 1;107:302–17. 
  16. Clemens RA, Jones JM, Kern M, Lee SY, Mayhew EJ, Slavin JL, et al. Functionality of Sugars in Foods and Health. Comprehensive Reviews in Food Science and Food Safety. 2016;15(3):433–70. 
  17. Cooper J. The challenges of reformulation for sugars reduction. Food Science and Technology. 2017;31(1):38–41. 
  18. Tan SY, Tucker RM. Sweet Taste as a Predictor of Dietary Intake: A Systematic Review. Nutrients. 2019 Jan;11(1):94. 
  19. Armitage RM, Iatridi V, Sladekova M, Yeomans MR. Comparing body composition between the sweet-liking phenotypes: experimental data, systematic review and individual participant data meta-analysis. Int J Obes. 2024 Jun;48(6):764–77.